Rezension Film ‘Julie bleibt still’

Auf Einladung der Sportjugend Bonn fand ein Kinospecial zum Film „Julie bleibt still‘“ statt.

Der Film erzählt die Geschichte der 15-jährigen Julie, die an einer belgischen Tennisakademie trainiert und trotz belastender Ereignisse sowie einer laufenden Untersuchung gegen ihren Trainer an ihrem Traum vom Profisport festhält. Er zeigt eine junge Leistungssportlerin in einem Umfeld mit hohen Erwartungen und wenig Raum für Fragen oder Zweifel.

Julie bleibt still ist eine stille, aber eindringliche Auseinandersetzung mit Macht, Schweigen und Selbstbestimmung. Der Film macht deutlich, dass Schweigen nicht Gleichgültigkeit bedeutet, sondern häufig eine Überlebensstrategie ist.

Julie steht unter starkem institutionellem und sozialen Druck. Die junge Sportlerin befindet sich in einer Zerreißprobe zwischen Anpassung, Loyalität, Erfolgsdruck und Selbstfürsorge, Angst und einfach Teenager im Kreis der anderen SportlerInnen sein zu dürfen – und sie schweigt und hält aus. Der Film verzichtet bewusst auf Schuldzuweisungen und einfache Erklärungen. Stattdessen macht er Strukturen sichtbar und zeigt, wie Systeme Verantwortung verschieben und Betroffene dadurch isoliert werden.

Im Zentrum steht eine Frage, die für alle Vereine relevant ist: Was geschieht, wenn Leistung, Loyalität und Zugehörigkeit wichtiger werden als das Wohlergehen einzelner Menschen? Solche Dynamiken kennen wir aus dem Leistungs- und Nachwuchssport. 

Der Film macht deutlich, dass Schweigen in Organisationen schnell als „kein Problem“ interpretiert wird oder als persönliche Entscheidung gilt. Dabei ist es oft ein wichtiges Signal. Für uns als Verein stellt sich daher nicht die Frage nach Schuld, sondern nach Haltung.

Konkret müssen wir uns fragen:

  • Hören wir auch dann zu, wenn nichts gesagt wird?
  • Gibt es in unserem Verein sichere Räume für Zweifel und Unsicherheit?
  • Wissen unsere Athletinnen und Athleten, an wen sie sich wenden können?
  • Und nehmen wir Hinweise und Signale ernst, auch wenn sie unbequem sind? 

Hier setzt unsere Präventionsarbeit an. Sie steht für Zuhören ohne Druck, für Ansprechbarkeit ohne Bewertung und für Orientierung ohne Vorverurteilung. Prävention ist kein Kontrollinstrument, sondern ein Schutzraum für Sportlerinnen und Sportler, für Eltern sowie für Trainerinnen und Trainer.

Ein gesunder Verein misst Erfolg nicht nur an sportlichen Ergebnissen, sondern auch an Vertrauen, Sicherheit und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Der Film lädt zur Reflexion ein. 

Diese Einladung nehmen wir an – als Verein und als Gemeinschaft.

M.M.

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